Vom Festhalten des Augenblicks


und der Dauer der Bilder von archetypischer Kraft
Weiterführende Gedanken zum Aufsatz  „Visual History“

von Gerhard Jagschitz 1991

 

ekkehard schönwiese

Unumstritten ist die Bedeutung von Bildern bei der Ausprägung von kollektivem Gedächtnis und kollektivem Bewusstsein. In ihnen wird etwas zusammengefasst, was sich in geschriebenen Worten (zwar anregen aber) nicht vermitteln  lässt, weil sie etwas hoch Emotionales bezeichnen, wie etwa das nackte Mädchen auf der Flucht im Vietnamkrieg, das verzweifelte Gesicht des Nazi - Kindsoldaten am Ende des Zweiten Weltkrieges .. Diese Bilder markieren Wendepunkte. Sie sind Zeichen der Überwindbarkeit, leuchten am Horizont neuer Zeiten auf, sind in unser Gedächtnis  eingebrannt als Appelle zur Empathie, der Solidarität mit Leidenden und es entschlüsselt sich ihr Bedeutungsgeheimnis als Symbol für fragwürdige Siege. Sie begleiten den Weg  aus der Verzweiflung als Signale der Hoffnung und leuchten auf Wegkreuzungen als Sinnbilder auf. „Ob es in Fels geritzte Zeichnungen sind, steinerne Idole von gewaltigem Ausmaß, Figuren in zerbrechlicher Zartheit oder ganze Bilderwelten, wie in Ägypten, immer stand die Absicht dahinter, mit Bildern Vergänglichkeit zu überdauern, eine mythisch-magische Einheit mit Zeit, Raum und Schöpfung herzustellen oder das weite Land der Seele durch Bilder zu Symbolen zu machen. Ging zunächst noch die Macht das Bündnis mit dem Bild ein und stellte sich in den Dienst mit den Eliten, so kam es bald zur Profanierung ..“
„Visual History“ hat selbst schon eine Bilderbuchgeschichte hinter sich und ist selbst eine Ikone geworden, verbunden mit der Vision, mit Bildern Geschichte in Geschichten von unten zu erzählen, um aus der Welt der Logik auszubrechen, welche Geschehnisse in kausalen Zusammenhängen sieht. Das Eine ergibt sich aus dem anderen, und der das feststellt, schwingt sich als Feldherr auf das feurige Ross, um vom Feldherrnhügel aus seinen Plan in Erfüllung gehen zu sehen. Und was sieht er da? Alles ist aufgerieben  und vernichtet, was nicht ins Bild passt. Den Bildern der Bemächtigung, den Triumphbildern stehen jene gegenüber, die gleichsam die Ohnmacht bannen. Sie sind Amulette der magischen Identifikation mit der Welt jenseits derer, die glauben Geschichte machen zu können oder gemacht zu haben.
Die Fotografie hält Augenblicke fest, bleibt jenseits des Raum-Zeit-Kontinuums, sie löst die Zeit in Bilder auf. Ausgeschalten sind „Bewegung, Geräusche und Geruch und entfernt ist in der Schwarz-Weiß-Fotographie darüber hinaus auch noch die Farbigkeit.“  Die Bilder sind jederzeit reproduzierbar und lassen sich nach Gutdünken bearbeiten. Gut, aber was haben wir sonst noch für Instrumente, Vergangenes „festzuhalten“. Ist das schriftliche Zeugnis geeigneter, uns Gerüche, die längst verduftet sind, nacherlebbar zu machen? Es bleibt uns die Erinnerung, die uns nicht minder bildhaft zur Verfügung steht. Sie selektiert Vergangenes nach der gegenwärtigen Bedeutung und stellt uns „Vorbilder“ zur Verfügung. Bilder aus dem Gedächtnis stehen nicht weniger als Fotografien außerhalb des Raum- und Zeitkontinuums, sie sind so wenig wie diese „Abbilder“. Sie sind Botschaften der Gleichzeitigkeit jenseits von logischen Ordnungen, mit denen wir Wirklichkeit erklären, um uns zurechtzufinden und uns als Herrn über uns aufzuspielen. Und je mehr wir uns "aufspielen", desto ohnmächtiger fühlen wir uns vor dem Bild, das wir von uns haben, denn "traurig sieht der, der ich bin, den, der ich könnte sein."

Bilder sind aus der Flüchtigkeit genommen und lassen sich betrachten. Soweit sie von archaischer Natur sind, hinterlassen sie einen bleibenden Eindruck. Bei Bildern dieser  Art bleibt die Zeit stehen. Sie sind ein Appell der Wiederentdeckung von Langsamkeit, der Bedächtigkeit, der Nachvollziehbarkeit von Vorgängen, die früher einmal tatsächlich langsamer abgelaufen sind, und die uns heute davonlaufen, wenn wir sie nicht festhalten. Wir halten sie einen Augenblick fest, um sie dann loslassen zu können. Sie laufen uns zu wie ein Kind in die Arme einer Mutter, das sich ihrer Zuwendung versichert, um sich dann  wieder  in seinem Spiel zu verlieren.
Lebensgeschichtliche Erinnerungen werden als Gegensteuern zu undifferenzierten kollektiven Bewusstseinsbildern erzählt. Sie erlösen von Einseitigkeiten der Bildkonventionen. Sie differenzieren Wirklichkeit, sie relativieren das Verdinglichen von Menschen und das Reduzieren ihrer Handlungen nach Absichten. Und sie stellen in einer entmythologisierten Welt wieder kosmische Bezüge her. Sie sind Relikte des magischen Denkens bzw. befriedigen das Bedürfnis danach, vom Kosmos her bestimmt zu sein. Ein Wetterleuchten (Nordlicht) ist zu sehen und da ist es klar, es wird Krieg kommen. Natürlich wird da auch „entschuldigt“. Wenn der Himmel Krieg ankündigt, haben wir Menschen kaum  die Macht, uns gegen das Schicksal zur Wehr zu setzen.

"Vom Festhalten des Augenblicks"  sind  Gedanken  zur Theorie, die Gerhard Jagschitz 1991 prägend wie folgt formuliert hat:  medienarchive.at - Downloads  (Das audiovisuelle Archiv Nr. 27-28 / Dezember 1990): Gerhard Jagschitz Visual History (Das audiovisuelle Archiv Nr. 29-30 / Dezember 1991): Dietrich ...
http://medienarchive.at/cms/index.php?option=com_content&tas... - 28k -  Gerhard Jagschitz  Visual History  (Das audiovisuelle Archiv Nr. 29-30 / Dezember 1991

 

 

 

 
Lebensgeschichtlich erzählt und ausgewertet


Datenbanken sind keine Selbstbedienungsläden. Sie können als das genommen werden. Aber der Preis ist hoch. - Die Inhalte von lebensgeschichtlichen Erzählungen sind nämlich weniger die angesprochenen Fakten als die Art mit Fakten umzugehen. Das Wie ist der eigentliche Inhalt.


Erfahrungen und Nöte beim Planen und Umsetzen einer  Chronistendatenbank

 

Vorweg


Mitten im Aufbau des Internetauftrittes www.virtuelles-haus-der-geschichte-tirol.eu kam an die Filmemacherin Ing. Ruth Deutschmann vom Österreichischen Zeitzeugenarchiv (Verein Die Chronisten) von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt  (Prof. Dr. Waltraud Schreiber Theorie und Didaktik der Geschichte)  folgende Anfrage:

Wie könnte man längere lebensgeschichtliche Interviews - wie sie in ZZ-Datenbanken vorliegen - so aufbereiten, dass sich Lehrpersonen  (und andere Benützer in kürzester Zeit über den Inhalt  bzw. den  Aufbau des jeweiligen Zeitzeugengespräches informieren und Stellen auswählen können, die sie dann im Unterricht einsetzen.
Es geht um die Beschreibung von Erfahrungen, um Anregungen bzw. durchaus auch um das Formulieren von Visionen.

 http://www.ku-eichstaett.de/Fakultaeten/GGF/fachgebiete/Geschichte/DidGesch

Zwei Dinge gingen mir  zunächst durch den Kopf. Erstens gälte es klarzustellen, ob die Zweckbindung an Lernstoffe nicht am Wesen von visuell aufbereiteten Zeitzeugendatenbanken vorbeigeht, weil das Anschauungsmaterial jederzeit und überall - nicht nur im Schulbereich - greifbar gemacht werden soll.
Zweitens: Sollten wir den Titel des Internetauftritts www.virtuelles-haus-der-geschichte-tirol.eu nicht so verkürzen, dass ein jeder Benützer schnell auf diese Seite kommt?
Was bringt aber andererseits ein kürzerer Titel? Eine Suche bei google mit der Begriffskombination "virtuelles Haus Geschichte" führt uns zu einer Auflistung, bei der die ersten acht Einträge, auf verschiedenen Wegen, durch die Türe (Home), durch Hintertüren, über den Schornstein und durch die Fenster in das Innere dieses virtuellen Hauses führen. Einmal im Haus angekommen läßt sich  miterleben, wie ChronistInNNen aus Tirol  auf den Treppen, in Gemeinschaftsräumen, Gängen und Zimmern erzählend durch die Zeitgeschichte wandern.
Täglich finden wir schnellere, direktere und bessere Zugänge zu jeder Menge Datenmaterial. Das Bewältigen von Quantität  machen  viele Fachleute - Künstler der Informatik  - zu ihrer Sache. Es geht ihnen dabei um das Bedienen eines Markt, der erstens stark expandiert und bei dem es zweitens um viel Geld geht. Bei aller Notwendigkeit des Erdenkens von schnelleren Zugängen steht die Qualitätsfrage im Raum. Je fragiler, mehrdeutigen, sinnbildhafter, subjektiver Datenmaterial ist, desto weniger lässt es sich  in Bestandteile zerlegen, die einzeln herausgegriffen, ihre Seele verlieren. Da gibt es Gesetzmäßigkeiten, die ich auf diesen Punkt bringen will: Mit der Masse verliert Kultur an Gewicht.
Kurz und gut, es besteht die Gefahr, dass wir auf Transparenz pochen, Überblick und Durchblick verlangen, und dieser Forderung zuliebe auf  Inhalte, weniger Durchschaubares eliminieren und alles Zweifelhafte aus dem weg räumen. Und da beginnt die Geschichte gefährlich zu werden.  Denn irgendwann ersticken wir dabei im Datenmüll und finden nur mehr das ewig Gleiche, nämlich das, was bestätigt, was wir schon wussten.

Das Veröffentlichen von lebensgeschichtlichen Interviews ist per se ein Ausbruch aus dem System des Speicherns, Ordnens und Selektierens von Informationen und Nachrichten. Es konfrontiert uns mit Subjektivität. Wir, die wir uns an der transparenten Datenfülle als einem weltumspannenden Netz der Information berauschen, merken in diesem Rausch nicht, dass uns das Leben wie Sand zwischen den Fingern weg rinnt.

Was heißt das? Der Anspruch einer kaleidoskopartigen Schau von in Clips unterteilten Lebenserinnerungen liegt primär nicht im Strukturieren von Themen. Ein Lehrer, der für seinen Geschichtsunterricht zu diesem oder jenen historischen Ereignis ein Anschauungsbeispiel sucht, bekommt diesen Wunsch in der Zeitleiste allenfalls erfüllt. Nur! Da findet er keine Bebilderung seines Unterrichts sondern wird auf  die Spannung zwischen Zeitgeschichte und Lebensgeschichte verwiesen. Darin liegt die Qualität der Information. Die Sachebene ist nicht viel mehr als der Anlass (!), der Inhalt aber die Begegnung mit Menschen, die uns visuell - Aug in Aug gegenüber - zur Bekanntschaft mit ihren Erinnerungsbildern in ihre Räumlichkeiten im virtuellen Haus einladen.

Nun haben uns die Revolutionen der Informatik und Informationstechnik die Mittel in die Hand gegeben, solche Wege zu beschreiten. Was vor Jahren mit Videobändern noch ganze  Bibliotheksräume füllte, hat heute in einem kleinen Speicherkasten am Schreibtisch Platz. Was einst beim Aufbau der Shoah-Foundation Millionen kostete, wäre heute nur mehr mit einem Bruchteil an technischen Voraussetzungen realisierbar (Dass das so ist, ist übrigens auch eine Leistung dieser Foundation). Wäre! Ja, es ist so, als hätte sich die dicke Luft, die uns die Technik weggeblasen hat, zwar aufgelöst, aber uns nun mit  luftleeren Räumen  konfrontiert.

 

 

Zur Sache konkret


Zunächst einmal sei festgehalten,  dass das Österreichische Zeitzeugenarchiv  lebensgeschichtliche Interviews mit professioneller Kamera aufgezeichnet und die Zeitzeugen - Interviewfilme bis zu drei Stunden lang sind. In 15 Jahren hat die  Filmemacherin Ruth Deutschmann viele Erfahrungen im Umgang mit Chronisten gemacht und versteht es, Chronisten in einer gelösten Atmosphäre zu weit ausholenden Erzählungen zu animieren,  bei denen die Chronisten auf die Jahre zurückkommen, die sie zur Persönlichkeit geprägt haben.
Die Geschichtsbilder, die die  Zeitzeugen vermitteln, bestehen aus Geschichten und Erzählungen über Alltägliches aus  vergangener Zeit. Diesem Alltäglichen hat die Geschichtsschreibung lange Zeit  wenig Bedeutung beigemessen. Im Zuge des Wunsches nach Geschichte von unten entwickelten sich Oral History und Visual History. Sie  beabsichtigten zunächst das Einbeziehen von Bild- und Hörmaterial als Quelle der Geschichtsschreibung. In der Theorie ging es  (nach Diskursen, die vor allem in den USA schon bald nach dem Ersten Weltkrieg  begonnen wurden) aber auch um die Frage nach dem Wert subjektiver Quellen  ganz generell und nicht nur im Sinn der Faktenwahrheitssuche und Ermittlung historischer Tatsachen.
Auch wenn es einige in die Tiefe gehende Diskurse unter zu Grundsätzlichem in der Erzählforschung gibt, schlägt sich Oral und Visual History in erster Linie im populärwissenschaftlichen Illustrieren von schriftlich veröffentlichten Lebenserinnerungen nieder.
Seltener sind schon Untersuchungen, die Bilder der Art vergleichen und ihrer Art nach untersuchen  Sinnbilder, Abbilder, Archetypisches, Zeitbilder, Visionäres etc.),

Das Österreichische Zeitzeugenarchiv hat im letzten Jahr im Rahmen des Projekts Virtuelles Haus der Geschichte Tirol zunächst 800 Videoclips ins Netz gestellt.  Das ist zwar nur ein Bruchteil  doch regional ein spannendes Kaleidoskop, das es in dieser Form alltagsgeschichtlich bisher frei zugänglich nirgendwo gibt.
Der Zugang erfolgt über Stills, über Porträts, die man anklickt, um dann zu den entsprechenden Biografie - Clips zu kommen. Zugänge über andere Wege  (Stichworte,  geografische Zuordnung,) sind ebenso angelegt wie die Dreisprachigkeit (deutsch, englisch, italienisch,  begrenzt auch ladinisch) über Untertitel. Das Prinzip in allem: Zunächst hat es der User mit Kurzfilmen zu tun. Alles Schriftliche kann aktiviert werden. es soll aber, wo möglich, zunächst nur  visuelles angeboten werden.

Aktiviert ist eine Zeitleiste, die historische Eckdaten mit persönlichen Erinnerungen zu einer Kette fädelt.  Das gelingt natürlich durch die geografische Begrenzung auf Chronisten aus Tirol nur in einem bescheidenen Umfang.  In den  an die achthundert Stunden Videos  aus allen Bundesländern (zurückreichend bis in die Donaumonarchie)  liegt noch viel Material brach, das diese Zeitleiste zu so etwas wie einer Geschichte aus Geschichten Österreichs ausbaufähig macht.

Bei dieser Intention  der Priorität des Bildhaften kamen wir im strukturellen Umgang mit dem Material sehr schnell an die Grenze unserer Gewohnheiten des Ordnens über das geschriebene Wort. Symptomatisch im Sprachgebrauch: Wir kennen nur das Wort Geschichts - Schreibung aber keine Geschichts - Hörung. Das meiste - glauben wir - was zu Anschauungen führt, wird schriftlich vorgeprägt, weil es ja schwarz auf weiß vor uns steht. Dabei ist das nur ein Märchen. Anschauung kommt vom Anschauen. Und was wir Hören, fährt uns in den bauch und geht uns viel weniger aus dem Kopf  als Kleingedrucktes, vor allem, weil es - trotz größter Schlüssigkeit - kein Gesicht hat. Einleuchtend ist allemal das, was aus den Augen funkelt, auch wenn Schriftliches  voller Gedankenblitzen ist.

Bisher wandte sich das Archiv lediglich über Filme und Filmbeiträge (ORF, Bayern Alpha, Festivals) an die Öffentlichkeit, die Material  des Archivs verwendeten oder gänzlich aus Clips des Materials (aus ganz Österreich) zusammengestellt wurden.

Womit ist Lehrkräften besser gedient, durch das mit Hilfe von Suchfunktionen greifbar gemachte illustrierte Material, oder durch Clips, die man sich gemeinsam anschauen kann?
Kaum eine Einrichtung, die mit Zeitzeugendokumenten arbeitet, veröffentlicht ohne vorhergehende Auswahl aus dem zur Verfügung stehenden Datenmaterial und beschränkt die Zugriffsmöglichkeiten. Die Shoah - Foundation, die 52.000  Menschen zum Holocaust befragt hat, wendet sich über das Medium Internet in erster Linie an Fachleute und grenzt sich gegen den Missbrauch von Material ab. Wer auf Daten zugreifen will, hat seine Kompetenz nachzuweisen und einen Vertrag zu unterschreiben. Für den Gebrauch im Schulunterricht gibt es vorweg Unterricht  für die Lehrpersonen und  das Angebot von Materialzusammenstellungen für Schüler.
Nun geht es bei diesen Zeitzeugendokumenten  um etwas, was uns eine Lehre sein soll, zusammengestellt, um Leugnen und Verdrängen auszuschließen und klar zu stellen, wo die Opfer und wo die Täter sind.
Bei Alltagsgeschichten jenseits von Opfer-Tätergeschichten kann es auch einmal auch darum gehen, dass Geschichten erzählt werden, um sie nach dem Aussprechen weglegen zu können und deren Sinn ich darin erfüllt, dass sie gesagt worden sind. Sie sind dann nicht unbedingt eine Lehre sondern Mittel des Loslassens und des Tradierens von Werten.  

Zeitzeugengespräche sind kein Selbstbedienungsladen


Sowohl der Befragte als auch der Gesprächsführer haben urheberrechtlich  Ansprüche auf den Schutz vor missbräuchlicher Verwendung des Datenmaterials. Chronisten übergeben die Inhalte ihrer Erzählungen den Händen eines Gesprächspartners und vertrauen darauf, dass mit dem Material sorgsam und wissend umgegangen wird.
Ein Osttiroler Zeitzeuge erzählte mir, dass er als Sechsjähriger Kosaken schießen war. Er erinnert sich daran, sich nichts dabei gedacht zu haben. Die Engländer haben ja auch auf sie geschossen. Sie sind geflohen, weil sie nach Sibirien verschleppt werden sollten. Und Gewehre haben wir Kinder überall finden können im Wald." Die Geschichte hat er vor laufendem Bandgerät erzählt, dass sie aber weiter erzählt wird, wollte er nicht oder zumindest nicht unter Nennung seines Namens.
Und was heißt das? User sollten in Datenbanken lebensgeschichtliche Interview in einer Weise vernetzt vorfinden, damit es nicht zur Verwendung von isolierten Einzelinformationen kommt, durch die sich der User jene Kompetenz aneignet, die einzig und allein dem Chronisten zusteht. Und wenn der sagt, er will eine Geschichte seiner Erinnerung nur persönlich mitteilen, dann ist das zu respektieren.

Die Inhalte von lebensgeschichtlichen Zeitzeugengesprächen beziehen sich zwar darauf, wie es früher war, binden diese Aussagen an die Gegenwart der erzählenden Person, die immer der Mittelpunkt bleibt. Die Chronisten haben Erinnerungsbilder im Kopf, die sie bezeichnen und benennen - so wie man vor Gespenstern, die man benennt keine Angst mehr zu haben braucht - und der angesprochene Interviewer übersetzt das Gekennzeichnete in die Bilder seiner Anschauung.  
Wenn es so etwas gibt wie eine Botschaft in Zeitzeugendatenbanken, dann zielt sie auf das Schaffen von Bewusstsein, dass Geschichte immer nur Erinnertes aus der Gegenwart ist und dass das Erinnerte kein Privileg derer ist, die Geschichte gemacht haben. Ohne Verständnis für den Zeitzeugen, sein soziales Umfeld und seinen Erlebnishorizont, ist jedes isoliert von der Persönlichkeit weiter verwendetes Zitat grundsätzlich ein Missbrauch.

Die gestellte Frage, wie Inhalte von Zeitzeugen-Datenbanken transparent  gemacht werden können, ist dahin gehend zu beantworten, dass Erzählungen von Chronisten  keine Vorträge von Fachleuten sind, die Wissensstoff vermitteln. Der Austausch von Bildern der Erinnerung  und den Nachzeichnungen, die beim Zuhören entstehen, findet  jenseits der Sachebene statt. Für dieses Jenseits aber braucht es Zeit, um zu entdecken, was der Chronist  neben sachdienlichen Auskünften atmosphärisch (selbst bestimmt, stolz, leidend..) mitteilt. Das Sachdienliche ist leicht und schnell über Register, Suchmaschinen und einen Thesaurus lösbar.
Aber der Eintritt in das virtuelle Haus der Geschichte zum Anschauen, hören und Miterleben ist der Eingang in das kafkareske Gebäude der Erinnerung.
Die Bilder, die Stimmen schichteten sich. Es gab Momente, in denen ich zwischen der Gegenwart und dem Vergangenen hin und her irrte, in einem Niemandsland, in dem das Alter keine Rolle spielte, ebenso wenig, ob jemand noch am Leben war oder seit Langem gestorben. Eine Rückkehr wie diese gleicht einer Reise in einem Traum, da die Wirklichkeit, die erkundet wird, zugleich auch immer eine Wirklichkeit ist, die wir aufzurufen versuchen, mit der wir erinnernd umgingen, die wir allmählich verloren, die in unserem Gedächtnis ausblasste. Peter Härtling zit. nach www.iuk.hdm-Stuttgart.de/kruegers/AltundJung/Llref.schsch.htm
 
Beim Aufschließen der Türen in das Schloss der Vergangenheit, hat man sich in  Geduld zu üben und einige Wunschvorstellungen nach Orientierung ad acta zu legen.
Vielleicht kommen wir einer Beantwortung der gestellten Frage näher, wenn wir uns klar geworden sind, wie das Material von Zeitzeugenaussagen zustande kommt und wie es das Österreichische Zeitzeugenarchiv  für den eigenen Gebrauch (Herstellung von Videos) ordnet. In der Weise könnte ja auch der Schlüssel für den externen Gebrauch gefunden werden.            

Ruth Deutschmann führt für das Österreichische Zeitzeugenarchiv seit 15 Jahren hunderte Stunden lebensgeschichtliche Gespräche mit Chronisten. Mit Kamera und Mikro geht sie zu den Leuten erst beim zweiten Besuch. Sie weiß, dass diese Werkzeuge Erinnerungen töten  - manche wissen dann vor lauter Aufregung nicht einmal mehr, wann sie geboren sind  - aber auch als Tor zur Nachwelt die Erinnerungskraft mobilisieren können.
Wenn sie wieder einmal einen neuen Film zusammenstellt,  weil es zum Beispiel einen historischen Anlass gibt - wie im  laufenden Jahr etwa die Erinnerung an die Jahre 1918, 1938 und 1968oder 1809-2009 und  in drei Jahren 1814-914-2014 -  müsste sie das gesamte Material im Kopf haben, um die geeigneten Stellen  zum  Thema greifbar zu haben. (Dabei wird in ganz kurzen Einheiten gedacht, von Schnitt zu Schnitt. Die Bildfolge  mit ihrer kurzen und kontrapunktischen Struktur der Übergänge, die assoziativen Tangenten .. sie sind die Hauptsache. Sie umspielen gleichsam das Sachthema.)
Und doch braucht es Orientierungshilfen und Strukturen im Grunde. Auch das Schloss von Kafka  hat Fundamente.
Nur das, was für unser Leben Bedeutung hat, bleibt in Erinnerung und hilft uns als Wegweiser zum Verständnis unserer Geschichte, der Geschichte anderer und der Geschichte allgemein.
Was uns betrifft könnte als Erlebniswissen  bezeichnet werden, das vom  Ereigniswissen zu unterscheiden ist.  Zu ihm haben wir keinen persönlichen Zugang und brauchen daher schematische Suchhilfen.
Bei lebensgeschichtlichen Interviews geht es um die Weitergabe von persönlich Erfahrenem an die Adresse von Menschen, der sich ein Bild von Umständen   einer längst vergangenen Zeit machen soll. Subjektiv Erlebtes wird so erzählt, als wäre es allgemein gültig.
Es wäre nicht nur, es ist. Denn wer macht Geschichte? Diejenigen die meinen Geschichte gemacht zu haben? Sind sie nicht die gröbsten und am wenigsten zur Persönlichkeit geformten Knechte des Zeitgeistes?  - Das ist aber ein eigenes Kapitel -
 
Als Ruth Deutschmann einen Offizier des Ersten Weltkrieges um die Verpflegungssituation an der italienischen Front befragte, bekam sie nichts von jenem Mangel zu hören, über den sich Zeitzeugen, die nicht zu den Privilegierten gehörten, bitter beklagten. Der Umstand unterschiedlicher Wahrnehmungen historischer Situationen mag bekannt sein, wie er will, er vermittelt aber nicht, wie es dem konkret gegangen ist, der gehungert hat, und dem, der zwar in der Nähe war, aber nichts davon bemerkt hat. Hat er´s vergessen? Verdrängt? Hat er´s nicht wahrgenommen? Hat er´s gesehen, aber nicht als schlimm empfinden? Und wie erinnert sich andererseits der, der gehungert hat?  Immer noch wütend  auf die,  die ihm nichts zu essen gegeben haben, oder stolz auf das, was er sich hat einfallen lassen, um nicht zu verhungern? Es sind Haltungen zum Leben, die im lebensgeschichtlichen Gespräch zum Ausdruck kommen. Das unterscheidet es von Zeitzeugenaussagen aus dem Mund von so genannten Handlungsträgern, also von Persönlichkeiten, die Geschichte gemacht haben (oder das wenigstens glauben) oder ihre persönliche Empfindlichkeit ausklammern und sich nur auf ein Gespräch über Fakten und Daten  einlassen.

Wir finden in Zeitzeugendatenbanken  zwar viele Antworten auf  Fragen danach, wie sich das Leben früher im Gegensatz zu heute abgespielt hat. Wir finden relativ wenig Anschauungsmaterial zu Lehrstoffen, zu Fakten und Daten, aber relativ viele Antworten, wenn wir auf die Suche nach Unterschieden zwischen objektiver Geschichtsschreibung und subjektiv erlebter und erinnerter Zeitgeschichte gehen. Es ist ja nur die Frage, ob wir uns auf den Weg machen wollen oder uns bei unseren Standpunkten so wohl fühlen, dass wir uns nicht mehr bewegen. Im letzteren Fall  reichen uns Feststellungen, Tatsachen und Fakten.

Gesetzt den Fall, das Österreichische Zeitzeugenarchiv stellt sein ganzes Text- und Bildmaterial  ins Netz. Der User bräuchte als Suchhilfe all die Instrumente,  die zur internen Nutzung für die Gestaltung von Filmen schon bisher notwendig waren, also Schlagwortregister, Zuordnungsangaben zur Person, Zeitachsen und was der Hilfen  mehr sind, um auf verschiedenen Wegen zu den erzählenden Menschen Zugang zu finden, der ja immer der Mittelpunkt sein soll. Er soll angetroffen werden.  

Anders als ein externer User kennt Ruth Deutschmann zwar das ganze Material des Archivs, sie hat ja die Interviews selber geführt, aber das ist unter Umständen auch schon zehn Jahre her und unterliegt dem Datenverlust und der Selektion, die jeder Erinnerung eigen ist. Aber gerade das, was ihr nicht mehr erinnerlich war und jetzt durch eine Suchhilfe wieder in Erinnerung gerufen wird, privilegiert sie im Umgang mit dem Material vor allen, die von außen zugreifen.    
Alle lebensgeschichtlichen Gespräche - nicht nur die, die den Holocaust betreffen - sind  Erzählungen gegen das Vergessen und damit es nicht verloren geht. Was ist das aber, was nicht verloren gehen soll?  Es hat ja nicht alles Bedeutung. Was hat Bedeutung?  Das, was sich bedeutend gibt? Und: wer bestimmt, was bedeutend ist? Der User bestimmt nicht. Bei lebensgeschichtlichen Erinnerungen  bestimmt der Chronist. Er wird um das befragt, was er  aus sich herausholt, damit es gesagt wird, damit es gehört wird.

Nicht minder wichtig bei einer Begegnung,  die auf lebensgeschichtliches Erinnern hinausläuft, ist das, was der Zeitzeuge vergessen hat, was also bei der besten Suchmaschine nicht abrufbar ist, weil es verloren gegangen ist. Bei manchen fehlen ganze Jahrzehnte ihres Lebens, obwohl sie erstaunlich flüssig aus prägenden Zeiten ihrer Jugend oft bis in viele Details hinein berichten. Wir können annehmen, dass sie erzählen, was für ihr Leben Bedeutung hat. Das können wir annehmen  oder die Suche nach dem, was uns als User bedeutend vorkommt, abbrechen, weil es da nichts zu holen gibt.

Nun, wie findet Ruth Deutschmann präzise zu der Stelle, an die sich zwar erinnert, aber nicht greifbar hat. Sie muss sich auf ein System  neben ihrer Erinnerung  verlassen können, mit einem Griff das Transkript des zur Papierform gebrachten Videointerviews bei der Hand haben und findet die gewünschte Stelle  über den hier verzeichneten Timecode. Sie wird schnell zu ihrem Ziel kommen, wenn sie durch einzelne hervorgehobene Stichworte und Kapitelüberschriften den Text strukturiert vor sich liegen hat. Es wird ihr auch eine Hilfe sein, sich des Inhaltsprotokolls zu bedienen, das bei der ersten Durchsicht des Bandmaterials angefertigt  worden ist. Ein solches Protokoll, zusammen mit den recherchierten Daten zur Person, sind Schriftstücke, ist das Fundament für alle weiteren Schritte des Umganges mit dem Material sind.

Unter Timecodes sind  die im Bild mitlaufenden Angaben in Minuten und Sekunden zu verstehen. Wenn nun ein Film transkribiert wird,  das heißt, wenn der Text des Filmes  schriftlich zu Papier gebracht wird,  weist eine Randleiste bei jedem Absatz, bzw. bei jedem neuen Gedanken auf die entsprechende Stelle im Interview -Video hin. Da Filmschnitte oft sehr kurz sind, sind  präzise Timecodes  zu klar gekennzeichneten Stellen auf Band das Um- und Auf, um aus einer großen Anzahl von Clips  einen Film zu schneiden.
Aber auch ein externer User kann von dieser aufwändigen Form, das Filmmaterial aufzuschlüsseln profitieren,  vor allem, wenn er nicht ausschließlich seine Fragen beantwortet haben will, sondern spielerisch  seinen Impulsen nachgeht und von Clip zu Clip, oder gar von  Schlagwort zu Schlagwort surft. Die Vision geht dahin, dass ein externer User das Material  so aufgeschlüsselt vorliegen hat,  dass er in ihm nach seinen Vorstellungen herumsurfen kann. Die technischen Lösungen hierfür müssen dem Arbeitsgang  analog sein, der beim Herstellen eines Filmes aus dem Material mit dem ganzen internen Wissen nötig ist.
Der Vision ist man umso näher, je filmischer bereits bei den Aufnahmen vorgedacht worden ist.  Was ist damit gemeint?
Die vorweg hergestellte Vertrauensbasis  gibt dem (der) Erzähler(in) den Freiraum, sowohl in ganz privater Atmosphäre in seine(ihre) Geschichte einzutauchen, als sich aber auch gleichzeitig dessen bewusst zu bleiben, dass Mikrofon und Kamera Tore zur Öffentlichkeit sind.

Die Qualität von Zeitzeugengesprächen mit lebensgeschichtlichen Inhalten erweist sich  in der Simultaneität  von Vertrautheit und  Öffentlichkeit. Der User einer Internetseite bekommt zwar nur das Abbild des Gespräches zu Gesicht aber es reicht unter Umständen aus, dass das vom Zeitzeugen umrissene  Erinnerungsbild  im User  Bilder entstehen lässt, die an die Magie  von Vorstellungen des kollektiven Unbewussten glauben machen.  So wie der Interviewer durch sein emphatisches Begleiten den Chronist in seiner Erinnerung surfen lässt, so zerlegt er  lange Texte in kurze Clips und gibt dem User durch Stichworte Wahlmöglichkeiten zum Umsteigen.

Die Kennzeichnung der Schnittstellen ergibt sich bei Themenwechseln aber auch  an emotionalen Bruchlinien, oder überhaupt durch den Rhythmus, der den Gang der Handlung atmen lässt.

Es wird längere Einstellungen und kürzer geben, je nach dem,  ob die Einstellung trägt oder nicht. Bei Zeitzeugeninterviews erzählen gerade die ältesten Menschen ihre  Geschichten so, als ob sie spontan erzählt würden, obwohl die Erzählung sprachlich perfekt und inhaltlich so pointiert ist, dass die Vermutung nahe liegt,  der Erzähler habe die Wirkung seiner Geschichte  schon mehrfach getestet. Ganz anders - nämlich in kürzeren Intervallen - sind die Schnittstellen bei Menschen zu setzen, die ihre Geschichten  von unten heraufholen müssen. Oft genug hört Ruth Deutschmann, "das hab ich noch niemandem erzählt." Chronisten tragen etwas  früh Erlebtes bis ins hohe Alter unbewusst  mit sich herum und in der Atmosphäre eines Zeitzeugengespräches kommt es von unten herauf. (Geschichte von unten ist bislang fast nur im Sinn sozial aus einer unteren Schicht gedeutet worden.)

Zu solchen Überraschungen kommt es nicht, wenn man als Interviewer die Zeichen von jenen Unterbrechungen im Redefluss nicht als Stille - Ödön von Horváth  führte diesen Begriff  ein -,  die unbedingt ausgehalten werden muss. Also hier darf kein Vorschlag zum Umstieg erfolgen. Eine Stille muss ausgehalten werden, sie darf nicht tot geredet werden, denn sie wird durch das Auftauchen verschollener Erinnerungen belohnt. Die Zeit zum Erholen von Erinnerung, dieses Durchatmen zu einem wieder gefundenen Bild, ist für einen User, er gerne schnelle Schnitte surft, kein Grund zum Umstieg. Wenn er sich dem Gesprächsfluss überlässt, wird er die Spannung spüren  und seinen  Umstieg dort setzen,  wenn klar geworden ist, was die Stille von unten an Erinnerungen heraufgeschwemmt hat.

Im Gegensatz zum zeitgeschichtlichen Interview stellen sich Bilder beim lebensgeschichtlichen Interview wortkarger ein. Je stärker Gefühle sind, desto weniger Worte sind möglich. Mit einem Wortschwall können Erinnerungsbilder beschrieben werden die sich fein gezeichnet beim Zuhörer als  realistisches Bild  einstellen. Ganz anders ist das bei hoch emotional besetzten, traumatisch besetzten Erinnerungen.  
Ich erinnere mich da an das  Gespräch mit einer Zeitzeugin, die sich an eine Szene erinnert, wie  eine Gruppe von Soldaten über sie herfielen.  Sie hielt ihr Kind im Arm. Einer der Soldaten nahm es und warf es in die Ecke des Zimmers. Da stockte der Redefluss. Als Zuhörer  bekamen wir  über den Gewaltakt an der Frau  durch die Soldaten verbal nur eine einzige Information: Und stellen Sie sich vor, das Kind ist bei dem ganzen mucksmäuschenstill geblieben. Das Bild von der traumatischen Szene stellt sich im Zuhörer lediglich über die Beschreibung der Nichtreaktion des Kindes  ein.       

Kommen wir zurück von der Vision vom externen User, der  sich durch das Material eines Zeitzeugenarchivs surft, und dabei - sanft geleitet durch fachkundig gesetzte Stichwortvorschläge für Schnittstellen - seinen Film aus dem Material herausholt und kommen wir zu den traditionellen Techniken, die  großes Datenmaterial transparent werden lassen.

Eine generelle Suchmaschine kann jeden gewünschten Begriff in Bruchteilen von Sekunden orten, Beziehungen zu anderen Begriffen herstellen und mit Links  weitere Hilfen anbieten. So eine Maschine zerlegt  beliebig große Datenmengen in beliebig viele Einzelelemente und hält diese ständig für User bereit. User müssen nur wissen, was sie suchen und wollen und  bekommen die gewünschte Information?
Das Zauberwort generelle Suchmaschine reichte aus, um die am Anfang gestellte Frage hinreichend zu beantworten. Oder?

Der Zauber hört sich ideal an und ist es auch, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass es sich beim Datenmaterial um Fakten, Daten und Zahlen handelt und dass wir wissen, was wir suchen.

Beim Zerlegen finden wir lediglich Teile  aber nicht unbedingt etwas Ganzes, das ja bekanntlich immer mehr als die Summe seiner Teile ist. Sachinformation sind bei Zeitzeugeninterviews nicht identisch mit den Inhalten. Sie sind Transportmittel  für Informationen auf der Beziehungsebene.

Unter der Voraussetzung, dass wir Suchbegriffe nur als Orientierungshilfen sehen, sind Suchmaschinen in Kombination mit Beschlagwortung  ausreichende Hilfen, um zu den Stellen  in Texten zu kommen, die uns interessieren. Sind wir aber einmal dort angekommen, beginnen erst die Fragen nach dem, was hinter den Schlagworten steckt.  

Der eigentliche Inhalt von erzählter Geschichte  bezieht sich zwar auf historische Fakten, umspielt diese aber und vermittelt  Inhalte auf der Bedeutungsebene. Und vielfach ist es so,  dass  lebensgeschichtlichen Erzählungen Gegengeschichten sind, Geschichten gegen die kollektiv übermittelten Vorstellungen. Sie setzen  das Bekannte voraus und erzählen, was nicht ins Bild passt.

Ein Beispiel:  Der Wiener Jude Willi Ehrenreich war ein hoch dekorierter Offizier des Kaisers im Ersten Weltkrieg. 1938 wurde er aus seiner Wohnung geholt, um mit einer Zahnbürste den Gehsteig zu putzen. Unter Hinweis auf seine Verdienste und Auszeichnungen  blieb ihm das erspart. Wenn ich nun als user über eine Suchmaschine  Zahnbürste, Jude oder 1938 eingebe, werde ich auf der  Homepage, auf der das Interview mit Ehrenreich eingegeben ist, die entsprechende Stelle und die gewünschte Information sofort finden. Ich bekomme als Sachinformation die Bestätigung des historischen Faktums, dass Juden mit Zahnbürsten Gehsteige putzen mussten. In der Geschichte, die Ehrenreich erzählte, ist dieses Faktum aber nur die (scheinbare) Nebensache. Er erzählt die Verbindung des Allgemeinen mit dem davon abweichenden Persönlichen.  Seine Geschichte modifiziert einen als bekannt vorausgesetzten Umstand.
Die Zahnbürste ist nur der Aufhänger. Auf der Bedeutungsebene und der  Beziehungsebene spielt uns die Geschichte von Willi Ehrenreich die Komödie zu einer Tragödie  vor.

Er hat eine ausgesprochene Lust, mit seiner Geschichte Geschichte gegen den Strich zu bürsten. - Das bringt mich auf die Frage, ob wir bei aller Notwendigkeit von Trauerarbeit nicht ein wenig  darauf vergessen haben, dass Aufarbeitung von Geschichte - auch  vor tragischen Hintergründen - lustvoll sein kann. Lustvoll? Das Erzählen vom Überwinden des Leides ist eine fröhliche Botschaft und so leichtfüßig wie jeder Tanz auf Vulkanen.
Ausbrechen kann das, was von unten kommt,  allemal. Hätten wir auch aus der Geschichte gelernt. Zwischen den Zeilen dessen, was niedergeschrieben ist, bleibt zu viel Unterdrücktes und hat nicht den Weg aus der Unmündigkeit zum Mund und über die Lippen gefunden, um es zu benennen und zu bannen.

e.s.  (2009/2010)

 www.virtuelles-haus-der-geschichte-tirol.eu

 

 

Das so genannte narrative Interview

Kompetenzfrage  & Kritik an Rollenzuweisung

ekkehard schönwiese


Fritz Schütze  sieht 1977 das narrative Interview als Spezialform des qualitativen Interviews, bei dem der Befragte aufgefordert wird "zu dem im Gespräch benannten Gegenstand zu erzählen". Vorausgesetzt wird, dass der zu Befragende eine entsprechende Kompetenz besitzt.


Der sich erinnernde Mensch zeichnet - er beschreibt nichts denn er hat weder Tinte noch Feder in der Hand - im Erzählen nach, was er an Bildern in sich sieht. Er kleidet sie in Worte, damit der/diejenige, der/die ihm zuhört, im Bilde ist, das heißt, sich eine Vorstellung von dem machen kann, was er hört.
Der Erzähler ist der aktive Teil, der Zuhörende der passive. Nun muss aber auch das Zuhören aktiv, wenn sich Bilder im Zuhörenden einstellen sollen. Das geht ja nicht von selbst, bzw. es braucht ein gewecktes Interesse, um sich der Bilder bewusst zu halten, die sich durch das Erzählen  bei uns einstellen.
Wenn jemand erzählt  sehe ich als Zuhörer jemandem in die Augen, sehe die Bewegungen im Gesicht und dazu Gesten der Hände und Haltungen des Körpers.  Beim Abhören eines Texte kann ich die Augen schließen, mich ganz auf die Worte konzentrieren und mich auf die Bilderwelt  einlassen, die die Worte entstehen lassen. Die begleitenden visuellen Vorstellungen sind sinnbildliche Übersetzungen des Gehörten, optische Markierungen. Selbst wenn der Erzähler etwas detailgetreu in realistischen Einzelheiten in Worten vermittelt, ist das, was beim Zuhörer ankommt,  sinngemäß das Gleiche, keineswegs aber das Selbe.
Wenn ich zu einem Menschen komme, von dem ich etwas erzählt bekommen will und habe vorweg schon eine Vorstellung von dem,  worauf ich ihn ansprechen will oder gar von dem, was ich hören will, wird es nie zu jenem Austausch von Bildern  kommen, der die Magie des Erzählen ausmacht.

De Begriff narratives Interview wird mir beim Nachdenken über das, was sich da an Schwingungen in der Kommunikation abspielt, wenn jemand in sich hineinschaut und aus sich heraus sich Bilder aus seinem Leben vergegenwärtigt, immer fragwürdiger.  

Der erzählende Mensch wird in seiner Kompetenz von dem, dem er etwas erzählt, in der Absicht, ein narratives Interview durchzuführen, in Frage gestellt.

Wenn ich einem Lebensgeschichtenerzähler zuhöre, erfahre ich nur etwas, d.h. können nur Bilder in mir entstehen, wenn ich keinen anderen von mir erdachten Gegenstand im Kopf habe als den, den mir der erzählende Mensch vorgibt.

Ich kann allenfalls nachfragen - kann auch erzählen, mit welchen Vorstellungen ist gekommen bin, um mich im selben Moment aber auch schon von ihnen zu trennen -, damit das Gehörte in mir plastischer zum Bild werden kann, aber bin nicht wirklich aufnahmefähig, wenn ich ein Interview führen will. Denn, was will ich denn, komme ich denn nicht, um etwas zu hören, das heißt, um mich führen zu lassen?  

Besonders grotesk kommen in dem Zusammenhang  Regeln zur Gesprächsführung bei narrativen Interviews vor.  Es sollte eigentlich nur eine Regel geben: Höre mit der Absicht des Führens auf. Lass dich entführen!
 

Wenn ich ganz Ohr bin, kann dann daraus irgendwann ein Gespräch entstehen, indem ich als Zuhörende aus der Rolle des Nehmenden heraustrete, aber das führt zu nichts, wenn davor nicht sozusagen alle Waffen abgelegt worden sind. Zunächst muss sich die Atmosphäre emphatischer Zuneigung eingestellt haben. Also weg mit
gezücktem Bleistift, mit Mikrophon und Kamera und allem, woran ich mich als narrativ Interviewführender festhalte, um führen zu können.  Es geht zunächst um nichts anderes als um das mitfühlende Hören, das Zuhören und um die Bereitschaft, sich auf das Zugehörig-Sein einzulassen.

Ein Interview will etwas vorweg Bestimmtes vom  Befragten wissen. Der mag  kompetent antworten wie er will, er wird sich unter der Voraussetzung der Befragung  zwar selbst einbringen, aber eben auf ein definiertes Ziel hin gerichtet, auf einen Gegenstand hin. Auch wenn er selbst mit seinen Erinnerungen der Gegenstand ist, ist er dazu aufgefordert, ihn (nämlich sich) als Gegenstand einzubringen und nicht sich selbst, der dann im Laufe seiner Erzählung auch auf einen gewünschten Gegenstand zu sprechen kommen kann. Aber dann bestimmt sein eigener Erinnerungsverlauf den Weg dorthin.

Natürlich stellt sich auch dann noch die Frage,  wie frei dieser Erzählverlauf ist. Auch wenn der Zuhörer sich ganz heraushält, hat doch der Erzählende an sich selbst eine Erwartungshaltung  und erzählt  im vorauseilenden Gehorsam das, wovon er glaubt, dass man es von ihm erwartet. Wie dieser Druck verringert werden kann, damit im Klima der Ruhe vom Erzählenden  nur das bezeichnet, was an Bildhaftem in ihm unwillkürlich auftaucht, ist eine eigene Geschichte.

An dieser Stelle sei lediglich darauf verwiesen, dass die Methoden und Kategorien des narrativen Interviews für den Umgang mit lebensgeschichtlichen Erzählungen nur bedingt geeignet sind, deren Wert zu erkennen, weil  sie den Interviewer in der Rolle des Aktiven  sehen.
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So hat Fritz Schütze  noch ohne jedes weitere Hinterfragen der Kommunikation lediglich zwischen einem Problem zentrierten und einem narrativ-fokussierten Interview unterschieden.  Beim ersteres sei mit einem Fragebogen zu sozialen Eckdaten zu beginnen, letztlich mit der Absicht, Datenmaterial in den Vergleich zu anderen Personen mit gleichen Eckdaten zu den vorformulierten Fragen setzen zu können. Das narrativ -fokussierte Interview lässt dem Erzählenden zwar den Raum des freien Erzählens, begrenzt diesen aber von den Voraussetzungen her schon auf ein bestimmtes Thema.
Bei diesen Vorgehensweisen soll der Befragte etwas abliefern, was vom Beginn an abgesteckt ist. Der Befragte ist ein Löwe, der sich frei im Käfig bewegt. Was kann man dabei wirklich von dem in Erfahrung bringen?  Man könnte sich ja auch anders schützen, nämlich sich selbst in den Käfig begeben und sich anhören, wie der Löwe in der Freiheit (und nicht nach der Freiheit) brüllt.  
 
Interviews dienen Erkenntnissen Dritter. Sie sind eine Vermittlungsmethode, Verhalten einer bestimmten sozialen Schicht,  von Menschen mit sonst wie vergleichbaren Eckdaten zu erfassen,  um  zu bestimmten Erkenntnissen über eine vordefinierte Fragestellung zu erhalten.
Eine lebensgeschichtliche Erzählung dagegen  fasst in Worte, was sich in vertrauter, vertrauensvoller Umgebung an Erinnerungen einstellt und sich im Erzählen verwandelt. Hier geht es nicht um das erfassen von Daten sondern darum, Erbe anzunehmen, bei dem der Bilderschatz von Erfahrung übergeben wird.

Erzählen tradiert (tra-do). Es ist ein Geschenk, das wir als Zuge - Hörende annehmen. Es öffnet eine Truhe, die mit Bildern voll ist.  Es sind Weltbilder für die Räume unserer Wirklichkeit, vermittelt, um sie anzuschauen, nicht mehr uns nicht weniger. Sie begleiten uns. Oder wir verkaufen sie zur "themenspezifischen Datengewinnung", zur "Theoriegenerierung durch Induktion, Abduktion und Deduktion."

Es braucht keine Rechtfertigung durch den Nachweis von Erkenntnismöglichkeiten und den Zwecken von Identitäts- und Sinnkonstruktionen.

Lebensgeschichtliche Erzählungen werden anvertraut. Der Sinn liegt im Moment des Übergebens und wenn man so will, was da jemand loswerden will, wie sich da jemand entlastet, ohne Rechtfertigungsdruck.  

Natürlich geht es da um Datenmaterial, das ein Zuhörender in sein Weltbild einordnet. Es wird erzählt, auf dass wir uns zu Eigen machen, aber vor allem, um es als Teil eines kollektiven Erbes weiterzugeben. Wir bekommen das Erzählte überantwortet, um verantwortungsvoll damit umzugehen.

Natürlich werde ich mit dem Erbe etwas anfangen,  wenn ich bereit bin, es anzunehmen. Das geht aber nicht nur durch den Kopf. Ich höre nicht zu, um etwas zu erforschen. Dabei klammere ich ja alles aus, was ich da jenseits von Worten abspielt.
Der Sinn erfüllt sich - wie bei jedem Spiel - im Moment und nicht im Verewigen durch das schriftliche Verwerten zur Untersuchung von interpretativen Wirklichkeitskonstruktionen.

Es scheint nur so, als wäre dieser Vorbehalt  einer, der sich gegen  den Erkenntniswert von Datenmaterial handelt. Nein, es ist Kritik am Verkennen von lebensgeschichtlichen Erzählungen, das zu Datenmaterial erniedrigt wird.

Lassen Sie mich das in einem Beispiel verständlich machen.
Wir öffnen die Kiste, sehen ein Stück Stoff, aus dem das Hochzeitskleid der Großmutter des Erzählenden gemacht worden ist und bekommen auch noch viele andere Gegenstände in die Hand, die uns etwas von früher rekonstruieren lassen.

Oder wir nehmen diese Gegenstände, um sie anderen Zeitzeugen in die Hand zu geben, dass die sich anregen lasen, sich ihre Geschichte wieder zu holen, wie das im SeniorINNentheater gerne gemacht wird. Auch das ist mit einem erkenntnistheoretischen Gewinn verbunden.

Gut, wir denken dabei immer sehr schnell an andere, was andere an Erkenntnisse gewonnen sollen und halten uns selber dabei heraus. Und warum tun wir das? Warum? Darum: Wir klammern uns selbst um der so genannten  Objektivierung Willen aus. Die Erkenntnis ist uns wichtig. Nun, aber sie ist es, die uns aus dem Paradies verstößt.

Und das Erzählen dagegen ist eine Einladung zum (befristeten) Besuch im wieder gewonnenen Paradies.

Ich gebe das alles vorweg zu bedenken, um nicht beim Sezieren die Seele des Erzählens aus den Augen zu verlieren. Ohne die Magie des Spielerischen und der nicht sezierbaren Schwingungen in der Interaktion bleiben die Rollen stereotyp.
Informationen, Worte, Botschaften, Rechtfertigungen etc. all das sind die analysierbaren Oberflächen, die in ihrer Sinnbildhaftigkeit auf Wirklichkeiten darunter und darüber hindeuten.

Der Interviewer hat keinen Spielraum. Er wird durch seine Werkzeuge und seine Verpflichtung einem Gegenstand gegenüber am  Wahrnehmen der Erzählung gehindert. Er filtert, was er hört, nach den Kriterien seiner Kompetenz, die er über die des Erzählenden stülpt. Er verweigert sich dem Prinzip des Erzählens als Spiel, das im Ablauf der Begegnung  das Rollenspektrum erweitert, zum Beispiel dadurch, dass der/die Fragende durch den/die Befragte in die Situation versetzt wird  eine Geschichte aus ihrem/seinem Leben  zu erzählen.

Spätestens da ist das Interview kein Interview mehr sondern, ja, was denn eigentlich? Ein Austausch, ein Geben und Nehmen im Wechselspiel von Empfindungen.

Jeder, der mit Interviews zu tun hat, kennt diesen Ärger: Ausgerechnet als ich das Mikrophon ausschaltete ist mir der Interviewte plötzlich mit der schönsten Geschichte dahergekommen. Oder: Als die Kamera noch nicht ausgepackt war, hat der mir die Geschichte erzählt, die dann nicht und nicht mehr aus ihm herauszubringen war.   

Unabhängig vom Wissen um die Grenzen von Interviews - sie sind in mehrfacher Hinsicht mit Käfigsituationen  umschreibbar - ist es von Nutzen, sich der Strukturen im stereotypen Rollenverhalten zwischen Befragen und Befragt - Werden  bewusst zu sein, um nicht den Zwängen dieser Rollenzuteilungen ausgeliefert zu sein.

Es ist jedenfalls keineswegs so, dass nur der Erzählende Zwängen und Zugzwängen ausgeliefert ist, und keineswegs ist es auch so, dass der Fragende das Spiel in der Hand hat. Das heißt, natürlich kann er das vorgeben, und a priori kein Wechselspiel zulassen, aber er verliert, um die Demonstration seiner Kompetenz zu erhalten, dabei sein  Gehör. Die Zwischentöne, die Schwingungen der Ober - und Untertöne werden ausgeblendet und zwar von beiden Seiten.

Das Filter der stereotypen Rollen (Der Fragende auf der einen Seite und der Erzählende auf der anderen Seite) führt zur Objektorientierung. Das subjektiv Störende bleibt als Bodensatz im Filter hängen und bleibt unerkannt. Dabei ist das Störende der eigentliche "Erzählschatz". Er ist das Salz im Meer der Erzählung, die kristallisierte Trauer nicht geweinter Tränen zum Beispiel, die im und durch das Erzählen flüssig werden.

Aus narrativen Interviews  werden erst dann tradierende Begegnungen, wenn der erzählende Mensch von der Rollenzuteilung (durch den Fragenden und durch die von sich aus angenommene Objektbezogenheit) nicht in Zugzwang gebracht wird.


Der Beitrag versteht sich als kritisches Weiterdenken von Basiswissen über?narrative Interviews und war angeregt durch eine erziehungswissenschaftlichen Veröffentlichung der Martin-Luther-Universität Halle. Wittenberg, 30.1.06


http://www.erzwiss.uni-halle.de/gliederung/paed/allgew/material/ws05_06.


Über Biographisch-narrative Gesprächsführung in der Soziologie nach dem Begriff "narratives Interview" von Fritz Schütze und über die Konzepte von Gabriele Rosenthal und Reinhard Völzke.

http://de.wikipedia.org/wiki/Biographisch-narrative_Gespr%C3%A4chsf%C3%BChrung

 

Online weiter u.a. zu:  Arbeitsblatt zur Biographisch-narrativen Gesprächsführung (Gesprächsregeln mit Beispielen nach dem Workshop Biographische Gesprächsführung vom 8/11.2004 Dr. Michaela Köttig, Uni Göttingen)

http://www.strukturnetz.de/download//Workshops/koettig_voelzke_fachtagung_biographisches_arbeiten2004_workshop.pdf

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Zu Bildern mit archetypischem Anstrich gehören

zum Beispiel die wie zum Almabtrieb geschmückten

Burschen  bei der Stellung im Jahr 1914. 

Sie gehen so unwissend in das wahrscheinliche

Verderben  wie Andreas Hofer, den der Kaiser 

mit einem Orden schmückte. Auch er war mit diesem

Schmuck zur Selbstaufopferung bestimmt.

 

 

 

 




 

 

  

 

 

 

 

Bilder von archetypischer Kraft erzählen von

Lebensübergängen. Dazu gehören unter anderem

auch Geschichten vom Tod, wie sie zum Beispiel

von Maria Rogl, dem Osttiroler Moidele, erzählt 

werden (Totenrituale, Totenabschied mit Cafe

und Kuchen, Ein totes Kind ist ein Engele).

Immer wieder ist, nicht nur aus ihrem Mund,

von verstorbenen Babys die Rede, die als

"Engelen" bezeichnet werden. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Monatelang, so erzählt unter anderen Anton Gasser,

haben sich Soldaten nicht waschen können.

Bilder vom reinigenden Wasser, vom ersehnten Nass,

oder gar vom Wunsch, sich Wellen  zu überlassen,

gehören mit zu den Bildern, die Zeitzeugen als Erinnerungen eingebrannt sind.

 

 

Alle drei Bilder stammen aus der Sammlung

Kirchmair in Axams