© Ruth Deutschmann, 2009

Geschichte von unten

 

Vor einigen Jahrzehnten haben oral und visual history  mit audiovisuellen Mitteln begonnen,  "die herrschende Geschichtsschreibung als Geschichte der Herrschenden" (Bertolt Brecht) durch "Geschichte von unten" zu verändern.

Das "Virtuelle Haus der Geschichte Tirol | Südtirol" steht auf diesem Fundament. Es errichtet darüber ein neues Gebäude, indem es Geschichte in Geschichten erzählen lässt. Die Kompetenz des Berichtens soll nicht in der Hand der Wissensvermittler liegen sondern bei denen bleiben, die ihre persönlichen Erfahrungen in Form von verdichteten Erinnerungen weitergeben.

Das Virtuelle Haus der Geschichte  ist kein Museum, das Gegenstände ausstellt, sondern gibt ChronistInnen  den Raum, ihre Erinnerungen zu Gegenständen der Wahrnehmung zu machen.

Das "Virtuelle Haus der Geschichte Tirol | Südtirol" versteht sich als Baustein zur Wiedererrichtung der vom Verfall bedrohten Kultur der Mündlichkeit.

 

Schriftlich - Mündlich

 

Hinter schriftlichem Tradieren steht der Wunsch, Vergangenes festzuhalten. Hinter mündlichem Tradieren steht das Bedürfnis, Vergangenes loszulassen.

Schriftlich wird objektiviert, mündlich wird Erfahrung weitergegeben. 

Beim Fixieren geht es um Zeitgeschichte, beim Loslassen um Lebensgeschichten.

Schriftlichkeit bedarf der Vermittlung über Papier und Vertrieb. Mündlichkeit ist unmittelbar.

Schriftlich wird Wissen vermittelt, mündlich wird Erfahrung verwandelt.

Schriftliches versucht Geschichte zu entemotionalisieren,

Mündliches gibt die Erfahrung der Überwindbarkeit von Leidenschaften weiter. Schriftliches erhebt den Anspruch auf Wissensautorität, Mündliches bekennt sich zur Autorität des Lebendigen.

Schriftliches versetzt uns über Vergangenes ins Bild, Mündliches stellt bildhaft Verbindungen zu Vergangenem her.

In gedruckten Worten wird Vergangenes "niedergeschrieben", im gesprochenen Wort wird Vergangenes "aufgehoben".

Schriftliches erklärt und macht schwer, Mündliches klärt und macht leicht.

 

e. s.

01. 05. 2009

 

Reflexionen und wissenschaftliche Beiträge legen wir im Laufe der Weiterarbeit unter  Materialien an.

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